Bretagne 2015

BREIZ’H
(das bretonische Wort für Bretagne)

Nun sind wir also wieder zurück aus Breiz’h – zumindest physisch. Herz und Kopf sind immer noch dort. Was für einen erstaunlichen Nachhall diese Gegend bei uns hinterlassen hat! Da haben wir wohl beide ein bisschen (sehr) unser Herz verloren …
Jürgen hatte die Bretagne ja Anfang/Mitte der 1990er mehrfach bereist und heuer auch mich dorthin gebracht. Zum Glück!
Da saßen wir dann am Ende der Ferienzeit und wollten gar nicht mehr weg! Wir haben den für uns absolut richtigen Platz gefunden!

Aber nun zu den ‚Fakten‘: nach fast 1400 Kilometern Fahrt erreichten wir das naturgeschützte Goas Lagorn-Tal in der Nähe von Trébeurden an der Rosa-Granit-Küste. Und das Herz ging uns auf! Da lag also unser Traumhaus, eine Alte Mühle aus dem 18. Jahrhundert, in Alleinlage direkt (80 Meter) am Naturbadestrand Beg Leguer, umgeben von einem riesigen und wunderschönen Garten, durch welchen der Mühlbach fließt. Die Vegetation dort ist phantastisch. Überall wuchern Hortensien, Agapanthi, mannshohe Farne, riesige uralte Kiefern und Pinien, zahlreiche Eichen und vieles mehr.

Die Mühle ist ein typisches altes bretonisches Longère (also ein Langhaus, das bedeutet Schlauchwohnen), aus örtlichem Granit erbaut. Es wurde von Annick und Yves wirklich behutsam und geschmackvoll restauriert und eingerichtet. Ganz unser Geschmack!
Allein der Weg zum Haus ist schon abenteuerlich. Ohne Annicks detaillierte Beschreibung würde man es gar nicht finden. Unten am Strand darf man ganz exklusiv, nach dem Passieren einer gerade eben autobreiten Holzbrücke (oder wahlweise einer Furt durch den Mühlbach), einen Sandweg befahren, der einen auf die idyllisch von Bäumen umrahmte Zufahrt zum Grundstück führt.


Wie herrlich ruhig es dort war! Lediglich das Murmeln des Baches in unserem Garten sowie die Meeresbrandung und einige Vögel waren zu hören. Vielleicht noch Blätterrauschen bei Wind.

Gleich neben dem Haus beginnt ein bezaubernder Wanderpfad, der sich mit immer neuen wunderschönen Blickwinkeln, oft auf ‚unsere‘ Bucht und das knallblaue Meer,  einmal rund um ‚unser‘ Tal windet. Häufig überquert man dabei ‚unseren‘ Bach auf Holzstegen. Der Weg führt an einer alten Granitkapelle vorbei, dann an einer Ziegenherde und schließlich zu den Ruinen eines uralten Bauernhofes. Die Atmosphäre dort ist toll. Zurück zum Haus läuft man dann teilweise durch alte Eichenalleen oder Wallhecken. Wir kamen übrigens einige Tage später beim Diner bei unseren neuen Freunden in den Genuss des Bio-Ziegenkäses von eben diesen Ziegen – aber das ist eine andere Geschichte.

Ich wollte ja schon seit Jahren auf die andere Seite des Ärmelkanals. Cornwall, Devonshire, Cotswolds usw. standen immer auf der Reisewunschliste. Der Wunsch verblasste nun etwas angesichts BREIZ’H. Hier gibt es so vieles, das ich mit England assoziiere, genau so oder noch schöner – und man kann auf der ‚richtigen‘ Seite Autofahren.
Gut, unser Französisch ist verbesserungswürdig, aber wir kamen wunderbar zurecht. Das Vorurteil, die Franzosen seien nicht deutschenfreundlich und weigerten sich, Englisch zu sprechen, können wir nicht bestätigen. Es kommt darauf an, wie man in den Wald hineinruft. Außerdem sind Bretonen ja keine Franzosen, nach ihrer eigenen Auffassung. Ein sympathisches Völkchen mit seinem Eigensinn  – und trotz aller Erdverbundenheit sehr seiner Geschichte und seiner Mythen gewahr. Seit Jahren wird die bretonische (eine alte keltische) Sprache wieder gepflegt und sogar an Schulen unterrichtet.

Erholt haben wir uns ganz hervorragend. Die Ruhe dort ist vollkommen. Keine Flugzeuge, Züge, Autos, Mähdrescher, Industrie. Keine lärmenden Mitmenschen. Und die paar Badegäste störten nicht, da der Strand kaum Infrastruktur besitzt. Fast rund um die Uhr an der traumhaft frischen Luft zu sein, bescherte uns stundenlangen erholsamen Schlaf.
Ulli war fast täglich ein- oder mehrmals im Meer. Häufig gingen wir nach dem Abendessen mit unserem obligatorischen Cidre nochmal hinunter zum Strand, um den Sonnenuntergang zu beobachten oder die auflaufende Flut. Oder packten uns den Picknickkorb und aßen gleich am Meer zu Abend.

Überhaupt: das strahlende Licht, die absolut reine Meeresluft, der glasklare Atlantik mit seinem ausgeprägten Tidenhub (ist halt was anderes als Ostsee oder Mittelmeer), die unglaublichen Felsformationen, die Küstenlandschaft, die so spannend und gleichzeitig entspannend ist, die erstaunlich große Zahl historischer Häuser (was für eine Augenweide),  die bretonische Küche (Galettes und Cidre bis zum Abwinken, Meeresfrüchte aller Art), …
Da kann ich wieder nicht aufhören, zu erzählen. Soll ich mich mal beschränken? Nein – das geht absolut nicht!

Man bewegt sich dort – wie auch in der Normandie oder in weiten Teilen Englands – die ganze Zeit durch die ‚Bocage‘, die Heckenlandschaft, die sich durch eine große Anzahl an Hecken oder Wallhecken als Begrenzung landwirtschaftlicher Felder auszeichnet. Das schmeichelt dem Auge sehr viel mehr als die unendlich großen Agrarflächen, wie wir sie in Deutschland inzwischen fast allerorten haben.
Abgesehen davon, dass wir die Bocage wunderschön finden, spielt sie durch das Schaffen kleinräumiger Landschaftsstrukturen heute eine wichtige Rolle für den Erhalt der biologischen Artenvielfalt.

Erdgeschichtlich gesehen ruht die Bretagne auf sehr altem und hartem Gestein. An der Küste oft in außergewöhnlicher Größe und Form. Viele Orte dort rufen ein ganz besonderes Gefühl hervor, das man schwer benennen kann. Auch sehr sachliche Menschen empfinden es als irgendwie mystisch. Es ist auf jeden Fall eine sehr kraftvolle Landschaft – aber niemals einengend. Man hat ja immer den weiten Blick hinaus auf den Atlantik.
Der ausgeprägte Tidenhub dort lässt die Buchten mit all den Schiffen zweimal täglich trocken fallen. Alles sieht dauernd anders aus. Zu vielen Inseln und Inselchen kann man bei Ebbe hinüber spazieren – bei Flut sind sie dann eben wieder was sie sind: Inseln. Es gibt viele Häuser in schier unglaublicher Insellage. Bei Flut werden sie bis an die Grundmauern umspült. Bei Ebbe sieht man die Bretonen häufig bei einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen: dem ‚Fußfischen‘. Sie laufen dann mit Gummistiefeln, Eimern und Schäufelchen durch die trockengefallenen Buchten und sammeln ihr Abendessen ein – Muscheln und anderes Meeresgetier.

Wenn wir uns aus unserem Paradies mal wegbewegen wollten, unternahmen wir auch etwas: beispielsweise eine Schifffahrt hinaus zu den Sept Îles bei traumhaftem Wetter ab Perros Guirec (schönes maritimes Städtchen). Die Sept Îles sind das älteste Naturreservat Frankreichs (seit 1912) und der einzige Brutplatz der Basstölpel in ganz Frankreich. Des Weiteren brüten auf der Île Rouzic Papageitaucher, Trottellummen, Tordalken, Krähenscharben, Austernfischer und verschiedene Möwenarten. Außer der reichhaltigen Vogelwelt hat sich hier auch eine kleine Population der Kegelrobbe etabliert. Die lagen gerade alle bräsig (oder besser: ‚breizh-ig‘) in der Sonne herum.

Wenn wir gerade nicht ‚breizh-ig‘ sein wollten, gingen wir spazieren oder wandern. Direkt am Grundstück führt der große Küstenwanderweg GR34 vorbei, auch Zöllnerpfad genannt. Er zieht sich Bucht für Bucht 1700 Kilometer die ganze Küste der Bretagne entlang. Der vielleicht schönste Abschnitt erstreckt sich zwischen Perros Guirec und Ploumanac’h.

Ploumanac’h mit seinem sehr bretagne-typischen Leuchtturm (siehe Beitragsbild) liegt gleich neben Perros Guirec . Der Zuweg zum Turm ist abenteuerlich gewunden und manchmal bei hoher Tide nicht zu begehen. Sehenswert sind hier die riesigen und ungewöhnlich geformten Granitkolosse, die vom Land bis weit ins Meer hinaus reichen. Die Felsen sind übrigens wirklich rosa. Besonders schön tritt das im Abendlicht hervor. Der rosafarbene Granit ist sehr selten und nur an drei weiteren Orten der Erde zu finden: Ontario in Kanada, Korsika und China. Das wissen viele Menschen 😉 Auch wir nahmen extra unser Kamerastativ für Langzeitbelichtungen mit dorthin. Insgesamt ging es in der Nachsaison jedoch recht beschaulich zu in der gesamten Region.

Die bretonische Küste gehört mit ihren unzähligen Inseln, unberechenbaren Meeresströmungen und schroffen Klippen zu den gefährlichsten der Welt und seit Jahrhunderten weisen Leuchttürme den Schiffen den Weg durch die Gewässer.
Es existiert dort eine der höchsten Leuchtturmdichten der Welt, sie ziehen sich wie ein Gürtel an den bretonischen Küsten entlang. Viele wurden auf kleinen Felsinseln in Küstennähe errichtet, andere erheben sich auf schroffen Steilküsten oder weit draußen im Meer. Die Leuchttürme gehören zu den beliebtesten Fotomotiven. Von Ihnen geht ein maritimer Zauber aus und sie sind längst zum Wahrzeichen der Region geworden.

Ken e vi gwelet, Breiz’h
Bis ich dich wiedersehe, Bretagne.

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Normandie

Auf der Rückreise aus der Bretagne besuchten wir noch Cap Fréhel und Fort la Latte und verbrachten anschließend drei Tage in einem kleinen Landhaus in der Nähe des Mont St. Michel, ebenfalls sehr ruhig am Rande eines kleinen bretonischen Dorfes direkt an der Grenze zur Normandie gelegen. ‚Le petit lapin‚ (der kleine Hase) ist ein reizendes altes Granit-Cottage – der ehemalige Schweinestall von Carolines sehr schön renoviertem Bauernhaus – mit eigener Terrasse und großem Gartenanteil. Und sechs Katzen … der kleine Caspar (benannt nach Caspar David Friedrich) und der große Ulysses schauten mehrmals täglich vorbei und sorgten für Erheiterung.

Wir besuchten den wirklich atemberaubenden Mont Saint Michel. Man MUSS ihn gesehen haben, wirklich!!!
Begonnen wurde im 8. Jahrhundert mit einem Sanktuarium zu Ehren des heiligen Michael und bis heute sind die Gemeinde und die Abtei ein von Touristen und Pilgern in gleichem Maße viel besuchter Ort. Der Berg und seine Bucht gehören seit 1979 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Außerdem wird er seit 1998 auch als Teil des Welterbes Jakobsweg in Frankreich aufgeführt. Auch beim vierten oder fünften Besuch verschlägt es einem den Atem, wenn der Berg im Meer auftaucht. 135 Jahre gab es einen Damm zwischen dem Mont Saint Michel und dem Festland. Der ist nun vor einigen Jahren durch eine Brücke ersetzt worden. So wird der Klosterberg wieder ein Eiland – allerdings nur bei Springfluten. Das ist, abhängig vom Gezeitenkalender, etwa an 18 Tagen im Jahr der Fall. Wegen der besonderen Konstellation von Sonne und Mond gibt es 2015 außergewöhnlich viele hohe Springfluten, an neun Tagen allein zwischen Ende August und Ende Oktober. Leider nicht während unseres Aufenthaltes dort. Naja, beim nächsten Mal am 3. März 2033 sind wir vielleicht dabei. Doch auch wenn die Flut nicht so hoch ausfällt, plätschert das Wasser zumindest unter der Stegbrücke hindurch komplett um den Mont Saint Michel herum. Über diese Brücke nähert man sich im Shuttlebus, in der Pferdekutsche oder zu Fuß dem imposanten Kegel im Meer. Geschwungen,  so dass man immer wieder wechselnde Ansichten erhält.
Hat man erst mal die Unbilden der normannischen Drosselgasse (Souvenirläden mit unsäglichem Kitsch, überteuerte Crêperien, etc.), die direkt hinter den beiden Toren liegt, hinter sich gelassen, betritt man eine andere Welt. Der Weg schlängelt sich um den Kegel herum, und je höher man sich schraubt, desto weiter wird alles. Die eigentlich enge Spitze wird weit.  Ein Paradoxon, da ja der Umfang des Kegels unten größer ist, aber die Spitze vermittelt einem, nicht nur durch die grandiose Sicht, ein Gefühl der ….
Es ist unbeschreiblich, was dieser Felsen mit einem machen kann.
Nach dem Eintritt in die Abtei verliert man nach kürzester Zeit die Orientierung. Die Baumeister haben im Laufe der Jahrhunderte den wenigen zur Verfügung stehenden Platz so perfekt genutzt, dass man glaubt, man wäre auf einer wesentlich größeren Insel. Raum reiht sich an Raum, Halle an Halle und Saal an Saal.
Der Kreuzgang ist der schönste, den wir je gesehen haben. Hoch oben über dem Watt, getrennt nur von einer Glasscheibe, blicken wir auf Gräser, die sich auf den Mauern angesiedelt haben. Es ist unwirklich!
Die Geschichte des Erzengels Michael des Drachentöters wird auch plastisch in die Abtei aufgenommen. Immer wieder findet man ‚Teile‘ des Drachens überlebensgroß (was heißt das eigentlich bei Drachen?) in die Bauten integriert. Mal eine goldene Klaue, mal den Schlangenkörper oder den vogelähnlichen goldenen Kopf. Es ist teilweise wie in einem Fantasy-Film. Kein Wunder, dass Peter Jackson sich für die ‚Herr der Ringe‘-Verfilmungen auf dem Mont Saint Michel Anregungen holte für seine Version von Minas-Tirith, der befestigten Stadt der Könige von Gondor.

Dann noch ein Tag in St. Malos Altstadt und Hafen (zwei Dreimaster-Segelschiffe live gesehen) und an den Stränden vor der alten Stadtmauer. Es war unser letzter Tag und das Wetter zum Weinen schön. Soviel Blau! Und so konnten wir uns gar nicht von den Sandbuchten lösen, um etwas weiter im Landesinneren noch, wie eigentlich geplant, die mittelalterliche Stadt Dinan zu besuchen. Uns war ja klar, wir würden den Atlantik nun längere Zeit nicht sehen …

©U&J

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